Das beantworte ich mit einem Beitrag, den ich November 2001 schrieb und ergänze ihn unten nur um ein paar Zeilen.
Da ich als WebDienstleisterin naturgemäss kommerzielle Homepages ins Netz bringe, sorge ich privat für einen gewissen Ausgleich zugunsten einer reichhaltigen, sich gegenseitig befruchtenden Internetkultur.
Meine Socialchronik "Von Delphi bis Delphi", Tebbert Verlag Münster, stand im HTML-Format seit 1995 ehrenamtlich und hauptamtlich Tätigen, sowie Studierenden in den sozialpflegerischen Bereichen zur Verfügung.
Daneben gab es geislingen-online.de, senioren-zentrale.de, kinder-zentrale.de, frauen-zentrale.de, handicap-zentrale.de, pro-blin.de, altenpflege-zentrale.de und krankenpflege-zentrale.de;
Dazu kamen webring-geislingen.de, pflege-webring.de, senioren-webring.de und frauen-webring.de.
Die Portale wurden mit zielgruppenspezifischen Nachrichten, Terminen und Fernsehtipps bestückt. Innerhalb der Communities auf den Portalen konnten sich Interessenten mit Hilfe einer speziell entwickelten Homepage-Maschine unter passender Subdomain eigene Homepages anlegen. In Chats, Foren und Mailinglisten konnten sie sich darüber untereinander - und von der Öffentlichkeit abgeschirmt, austauschen. Über ein Jahr hatte die letzte technische Rundumerneuerung gedauert. Kaum war alles fertig, ...
Soeben hatte sich die "Gesellschaft zum Schutz privater Daten in elektronischen Informations- und Kommunikations-diensten e.V" (GSDI) am 20. Juni 2001 in die Liste der klagebefugten Vereine geschmuggelt. Da setzte sich GDSI-Vorsitzender Dirk Felsmann offensichtlich am 27. Juni spät abends mit seinem Bekannten, einem Rechtsanwalt an Felsmanns Arbeitsstelle CyberPark zusammen. Rein ins Netz, schnurstracks zur Suchmaschine Google und eingetippt: "newsletter e-mail name KG -gmbH -verein -verband -gmbH&Co". Die Homepages routiniert angesurft, Impressum angewählt und von dort die Adresse in eine Datenbank hineinkopiert.
Moment mal, kinder-zentrale.de - die Postanschrift dazu hatten wir doch schon bei der altenpflege-zentrale. Aha - also keine Domains mehr mit -zentrale.de ansufen. So! - Alles beieinander, nun das Textverarbeitungsprogramm aufrufen und die Serienbrieffunktion starten. In Erwartung des baldigen Geldsegens werden sich die Herren ihre Hände gerieben haben, als sie den so produzierten Abmahnungsstapel zur Post brachten, die ca. 200 Briefe enthielten immerhin alle eine Kostennote für Anwaltsgebühren über fast 1.300 DM.
Die Hoffnung der Akteure hat sich nicht ganz erfüllt. Ich beispielsweise wehrte mich, telefonierte mit dem Anwalt und schickte 2 Faxe mit Gründen, warum ich keinesfalls einen Newsletter ohne Namensangabe betreiben kann. Und ich schloss alle 14 sozialen Projekte. Zwei Tage später rief Felsmann mich an. Zerknirscht gab er zu, sich geirrt und - "die Falsche" getroffen zu haben. Er werde den Anwalt anweisen, die Abmahnung zurück zu nehmen und mich in der Sache nicht weiter zu verfolgen. Ich bedankte mich zwar artig, doch stellte ich auch fest, dass ich die Projekte trotzdem zu lassen werde.
Doch auch mit den anderen Abgemahnten hatte man dieses Mal kein leichtes Spiel: Dank der Online-Zeitungen (insbesondere akademie.de und heise.de) konnte die Netzgemeinde dieses mal superschnell über den Missbrauch des Rechtsmittels "Abmahnung" informiert werden. Betroffene versteckten sich nicht, sondern organisierten sich bei plaudern.de und bei advograf.de. Man ging gegen deren unkorrektes Angebote eines Gütesiegels ebenso vor, wie gegen ihre Eintragung als klagebufugte Einrichtung. Auch eine Streitgenossenschaft wurde gebildet, um sich zu mehreren mit einem Anwalt (Dr. jur. H.J. Krieger, Düsseldorf)gegen diese Abmahnwelle zu wehren.
Was die GSDI als leider völlig unterqualifizierte Abmahnerin erreicht hat, das ist, dass aufgrund nicht zustande gekommener Urteile nun manche Leute inzwischen wirklich glauben, dass man nicht nach dem Namen fragen dürfe, wenn man einen Newsletter anbietet. Beziehungsweise gibt es nun Juristen, die wissen, dass das manche Leute (evtl. also auch Richter) glauben. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann jemand anderes diese Masche nochmal aufgreift, nur eben viel schlauer als die GSDI.
Ich habe privat nur begrenzte Kapazitäten. - Die stelle ich in den Dienst der Internetkultur und deshalb gerne den Zielgruppen zur Verfügung, die sonst eher aussen vor bleiben. Kinder, Frauen, SeniorInnen und Pflegekräfte bereichern als User und als Homepagebetreibende das Netz - dagegen Rechtsanwälte? Zumindest werden sie nicht ausgerechnet auf mich angewiesen sein.
Als virtuelle Gastgeberin mache ich mich nicht abhängig von User- und Abozahlen. Und genau so treffe ich bewusst die Entscheidung, dass die Projekte nicht als juristische Spielwiesen missbraucht werden sollen.
Daher bleiben die Websites zunächst weiter geschlossen. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit Abmahnern, Jurnalisten und denjenigen, die sich "Helfen" auf ihre Fahnen geschrieben haben sowie meine Beobachtungen und ersten gesammelten Informationen, halte ich es für sinnvoller, dass möglichst alle Fakten und Informationen über Abmahnungen und Abmahnungswellen aufgearbeitet und hier zusammengestellt werden.
Ist doch bezeichnend, dass man mir in juristischen Kreisen beleidigend (oder eher beleidigt?) vorwirft: indem ich die Projekte geschlossen halte, stecke ich den Kopf in den Sand. Und ebenso bezeichnend ist, dass mir juristisch gebildete Menschen freundlich-besorgt Angst zu machen versuchten, als ich meine Arbeit an diesem Projekt nur mal vorsichtig andeutete.
Genau so bezeichnend aber ist, dass abmahnungswelle.de - ausserhalb juristischer Kreise - problemlos tatkräftige Unterstützung erfährt, wo immer ich auch angeklopfe.
Inzwischen sind zwei Jahre vergangen. Aus der losen Gruppe um die Abmahnungswelle ist inzwischen ein seriöser eingetragener Verein geworden Abmahnwelle e.V.
Bis auf die socialchronik.de habe ich alle sozialen Projekte endgültig aufgegeben, da ich nicht mit ansehen könnte, wie die User, die sich dort mit viel Hingabe ihre Homepage basteln, abgemahnt werden. Ausserdem braucht die Abmahnwelle viel Zeit.
Übrigends, die erste Abmahnwelle, deren Betroffene wir dann - wie seinerzeit Advograf, plaudern.de und noch früher mal freedomforlinks.de betreuten, war eine Abmahnwelle ausgerechnet gegen Anwälte. Deren Kollege hatte gleich Anfang 2002 die Chance für sich genutzt, wegen nicht vollständiger Erfüllung der neuen Informationspflichten abzumahnen.
Wenn ich mir heute die Materialien zur damaligen GSDI-Abmahnwelle ansehe, muss ich sagen, dass Horst Klier bei Plaudern.de und insbesondere die Leute von Advograf.de - also hauptsächlich wohl Alex Kleinjung hervorragende Arbeit geleistet hatten. Traurig, dass in solchen Momenten, des Zusammenstehens dann ausgerechnet Leute aufgrund eines krankhaften Geltungsbedürfnisses plötzlich quer schießen müssen und solchen Initiativen mit ihrer Penetranz die Arbeit erschweren, indem sie alles dran setzen, die Glaubwürdigkeit der Helfer infrage zu stellen. Als Abgemahnte geriet ich zwischen die Fronten und wusste oft gutgemeinte Hinweise nicht zu schätzen. Später selbst in einer Initiative aktiv - bekam ich solche destruktiven Aktionen noch von der anderen Seite dann selbst mit. Leider fehlt es dabei dann auch am sozialen Verantwortungsgefühl anderer Diskussionsteilnehmer, die aus purem Lust- und Unterhaltungsdenken heraus, solche Spielchen fördern, anstatt derartigem Treiben strikt Einhalt gebieten.
(Anmerkung: Stefan Münz hat mir freundlicherweise erlaubt, sein SELFHTML-Logo in obige Graphik einzubringen)